Prälat Prof. Dr. Helmut Moll im Podcast-Interview, Folge #8, veröffentlicht am 14.11.2019 

In den 1930er Jahren waren Juden und Christen völlig getrennte Leute.

Helmut Moll

Prälat Prof. Dr. Helmut Moll ist Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für das Martyrologium des 20. Jahrhunderts. Er hat einige Zeit in Rom im Vatikan gearbeitet und lebt heute wieder in Köln, wo er unter anderem für Selig- und Heiligsprechungen zuständig ist. Prälat Prof. Moll gilt als Experte für Edith Stein. An ihr entzündete sich im Podcast-Interview eine Diskussion – über die Rolle der Frau und über das Verhalten der katholischen Kirche in der Nazizeit.

Annette Wieners hat das Gespräch mit Helmut Moll am 31.10.2019 für den Podcast „Das Mädchen aus der Severinstraße“ geführt. Lesen Sie hier die Abschrift der Tonaufnahme. Die Satzstellung wurde sanft an die Schriftform angepasst.

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Moll: Ich bin katholischer Priester und heiße Helmut Moll. Ich bin Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die „Blutzeugen des 20. Jahrhunderts“. Es ist ein Projekt, das für die ganze Welt gilt, und dieses Projekt hat zwei große Bücher hervorgebracht. In diesen zwei großen Büchern sind alle, die im 20. Jahrhundert um des Glaubens willen eines gewaltsamen Todes gestorben sind, in Biographien zusammengestellt.

Wieners: Der Papst hat dazu den Anstoß gegeben. Er hat gesagt, wir müssen da genauer hingucken, und dann sind Sie eingesetzt worden als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, diese Personen aufzuspüren. Ich habe mir überlegt, wir nehmen ein prominentes Beispiel aus Köln: Edith Stein. Was können Sie über ihr Leben erzählen?

Moll: Das Leben von Edith Stein ist gerade für die Menschen von heute von besonderer Wichtigkeit. Sie war ja Jüdin, ist in Breslau geboren, hatte aber zum jüdischen Glauben niemals einen wirklichen Zugang gefunden. Sie war aber auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, nach der Wahrheit des Lebens, und fand sie in der Katholischen Kirche. Sie ist in Bad Bergzabern getauft worden auf ihren Wunsch, war 10 Jahre lang Lehrerin an einem Gymnasium in Speyer und hat dann nach zehn Jahren den Sprung gewagt, hier nach Köln zu kommen, wo sie in das Kloster der Karmelitinnen in Köln-Lindenthal eingetreten ist und hier fünf Jahre gelebt hat. Weil sie aber nicht wählen durfte – weil sie jüdischer Herkunft war – und weil sie das Kloster nicht belasten wollte, ist sie 1938 in die Niederlande gefahren worden, wo sie dann im niederländischen Kloster Echt die letzten Jahre zugebracht hat. Weil aber die niederländischen Bischöfe die Ideologie des Nationalsozialismus angegriffen hatten, wurden nur die katholisch gewordenen Juden aufgesammelt, unter ihnen auch Edith und Rosa Stein, und dann über Westerbork nach Auschwitz gebracht, wo sie alle vergast wurden.

Wieners: Bevor Edith Stein nach Köln kam, hat sie promoviert. Sie hat auch versucht zu habilitieren, sie wollte also Professorin werden, und hat mehrere Professorinnen-Arbeiten geschrieben. Aber weil sie eine Frau war, hat sie den Titel nie bekommen, sondern ist an den Universitäten abgelehnt worden. Welche Rolle hat das bei ihrer Entscheidung gespielt, ins Kloster einzutreten?

Moll: Hier muss ich als Historiker sagen: Sie ist abgelehnt worden, weil sie Jüdin war. Sie ist nicht abgelehnt worden, weil sie Frau war.

Wieners: Aber das ist das, was ihr mitgeteilt wurde: Als Frau dürfe sie nicht habilitieren.

Moll: Ja, vielleicht kommen beide Aspekte zusammen. Die meisten Historiker tendieren heute zu der Auffassung, der entscheidende Ausschlussgrund war, weil sie jüdischer Herkunft war. Das Zweite war, dass sie natürlich auch als Frau in diese akademische Welt eindringen wollte. Es war so, dass aufgrund ihrer jüdischen Herkunft – und vielleicht auch weil sie eine Frau war – dadurch Hürden aufgebaut worden waren. Aber sie hat…

Wieners: Ihre Versuche an der Universität waren ja vor 1933.

Moll: Ja, aber schon damals, auch in der Zeit der Weimarer Republik, war es so, dass im akademischen Bereich nicht jeder an die Lehrstühle kommen konnte.

Wieners: Als ich das gelesen habe, habe ich mir vorgestellt, dass sie ziemlich frustriert gewesen sein muss. Sie war ja offenbar eine hochintelligente Frau. Sie hat sich in der Wissenschaft verdient gemacht – und wurde überall abgewiesen. Dann hat sie nochmal eine neue Arbeit geschrieben, hat es noch einmal versucht, und wurde wieder abgelehnt. Das kann ja nicht spurlos an ihr vorübergegangen sein.

Moll: Sie haben recht, sie war eine intelligente Frau. Sie hat ja selbst Thomas von Aquin aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt. Sie war eine außerordentlich strenge Wissenschaftlerin, dennoch erlaube ich mir zu sagen, dass große Philosophen der damaligen Zeit, aber auch Dominikaner, die ja in der Regel Thomas von Aquin studierten, ihr gesagt und geschrieben haben, sie habe bisweilen Thomas von Aquin nicht richtig verstanden. Und auch nicht richtig ausgelegt. Das ist kein Mangel, aber es will sagen, dass sie hier in eine neue akademische Welt eingedrungen ist, wo sie auch gespürt hat, als Jüdin sieht sie die Welt anders als als Christin, so dass sie auch als Philosophin nicht ganz unumstritten war.

Wieners: Also noch ein Grund mehr um Frust zu schieben, würde ich mal sagen.

Moll: Sie war ja – was ja kaum einer weiß – dreimal verliebt. Sie hatte auch erste Freundschaften, aber es ist nie weitergekommen. Sie hat gespürt, dass…

Wieners: …das war aber bevor sie im Kloster war….

Moll: Natürlich!

Wieners: Ja, natürlich.

Moll: Natürlich. Sie war eine junge Frau, die in Göttingen studierte, und ich habe auch oft den Eindruck, sie war so sehr Wissenschaftlerin, dass ihr alle anderen Dinge völlig sekundär waren.

Wieners: Und dann ist sie 1933 nach Köln gekommen.

Moll: Aber ich darf noch sagen, ich würde das frustrierende Element nicht überbewerten, denn sie hat enorm viele Vorträge in Deutschland gehalten. Das heißt, sie hat an vielen Orten gesprochen. Und worüber hat sie gesprochen: Über den Wert der Frau!

Wieners: Wahrscheinlich hat sie nicht ohne Grund dieses Thema gewählt.

Moll: Sie wurde früher als eine Art Frauenrechtlerin gewertet. Sie hat versucht, der Frau ihren eigenen Genius zu geben: Dass sie nicht einfach vermännlicht werden darf – wie bisweilen heute -, sondern dass sie ihre eigene Sendung und Berufung erkennt. So dass sie von dort aus eine Frau war, die durch ganz Deutschland reiste, die viele Artikel schrieb, die aber oft sehr zurückgezogen lebte. Sie war Lehrerin an einem Gymnasium, war streng vorbereitet, war ja auch immer sehr streng gekleidet und hat dann den Mädchen beigebracht, was es heißt, tüchtig studieren zu müssen, so dass sie eigentlich zu den weltlichen Dingen relativ wenig Kontakt hatte.

Wieners: Da möchte ich nochmal nachfragen: Was ist der Unterschied zu der „Vermännlichung der Frauen“, die Sie eben angesprochen haben? Was heute passiert?

Moll: Ich denke als Theologe, die Frau hat eine eigene Berufung und eine eigene Sendung. Die könnte darin liegen, dass sie eine prophetische Gabe hat. Dass sie Dinge intuitiv erkennen kann, die oft der Mann nicht erkennen kann, weil er einfach zu sachlich, zu objektiv ist. Die Frau hat eine große Kraft, indem sie die Dinge aus einer neuen Perspektive sehen kann, die der Mann so nicht erkennen kann. Bisweilen hat man doch heute den Eindruck, dass Frauen gleichsam ihre Karriere nur suchen, indem sie sich eben ganz dem männlichen Ideal anschließen. Indem sie versuchen, es dem Manne nicht nur gleich zu machen, sondern es besser zu machen und insofern zu einem Konkurrenzkampf werden. Nach der Theologie ist Mann und Frau nicht im Gegeneinander zu definieren, sondern im Miteinander, und dass sie im Miteinander und Füreinander die große Synthese schaffen. Und deshalb sehe ich eine große Chance in der Frau, dass sie sich nicht männlichen Plätzen zuordnet, sondern dass sie ihre eigene Sendung findet und diese eben auch erkennt auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes.

Wieners: Ich sehe das natürlich anders. Wenn sie „Miteinander“ sagen, höre ich Schubladen, in die die Männer gesteckt werden, in die die Frauen gesteckt werden… Aber – kommen wir auf Edith Stein zurück. Sie sagen, sie hat versucht, die Frau in ihrer besonderen Rolle zu sehen. Hat Vorträge gehalten in ganz Deutschland, das heißt, sie hat da schon an der wissenschaftlichen Macht geschnuppert, konnte sie aber nicht richtig ergreifen. Und dann war der Punkt, da ist sie ins Kloster eingetreten und nach Köln gekommen. Was hat sie denn da für ein Leben geführt? Das muss ja ein absoluter Bruch gewesen sein.

Moll: Sie wollte eigentlich ihren tieferen Sinn erkennen, dass auch Wissenschaft ihre Grenzen hat. So, dass es in meinen Augen kein Bruch war. Als sie nach Köln kam, spürten die Schwestern sofort – von denen ich einige noch gesprochen habe und auch noch einige Personen, die sie in Köln erlebt haben – sie war völlig unpraktisch. Sie konnte nicht einmal Strümpfe stopfen. Sie wusste auch nicht, wie man kocht. Das heißt, sie war eine Frau, die gleichsam mit zwei linken Händen da ankam, weil sie am Ende nur Bücher und nur Wissenschaft vor sich hatte. Aber zugleich hatte sie eine tiefe Begegnung mit Gott. Sie hat stundenlang Christus im Sakrament angebetet. Sie lebte aus einer tiefen Gottverwurzelung. Auch wenn sie in praktischen Dingen relativ unbehelligt war.

Wieners: Trotzdem hat Edith Stein sich auch Gedanken über das gemacht, was außerhalb der Klostermauern passierte. Und sie hat dem Papst einen Brief geschrieben, 1933, in dem sie die katholische Kirche, oder den Papst, aufgefordert hat, öffentlich die Judenverfolgung anzuprangern. Der Papst hat ihr nicht geantwortet.

Moll: Das ist ein Vorurteil, das wir immer wieder hören. Richtig ist, dass Edith Stein diesen Brief an den damaligen Erzabt von Beuron, den sie gut kannte, Raphael Walzer, gegeben hat. Damit der Brief ankommt, hat Abt Raphael Walzer ihn persönlich im Vatikan abgegeben. Und er hat auch eine Antwort bekommen.

Wieners: Er, aber nicht Edith Stein.

Moll: Ja, Vorsicht! Es heißt also, der Brief ist im Vatikan angenommen worden, er ist gelesen worden, ist beachtet worden, und auch Pacelli, der damalige Kardinalsaatsekretär, hat Abt Raphael Walzer schriftlich eine Antwort gegeben. Weil ich selbst zwölf Jahre an der römischen Kurie gearbeitet habe, weiß ich, in solchen Briefen geht man nicht auf den Inhalt ein, sondern man schreibt: Wir haben den Brief erhalten, wir danken für den Brief und wir werden die Dinge weiter beobachten. Heute sagen immer mehr Historiker, dass die Antwort des Papstes auf diesen Brief die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ war.

Wieners: Ja, diese Enzyklika, in welchem Jahr ist…

Moll: Siebenunddreißig.

Wieners: Siebenunddreißig…

Moll: Siebenunddreißig.

Wieners: … Also vier Jahre später!

Moll: Ja. Aber bitte. In Rom mahlen die Mühlen langsam. Und in Rom hat man ja auch die Ideologie des Nationalsozialismus… sagen wir… mehr aus der Zeitung erfahren als am eigenen Leibe. In dieser Enzyklika „Mit brennender Sorge“ wird ganz klar gesagt, dass Antisemitismus keine Chance im Christentum hat. So dass ich von dort aus auch sagen möchte, dass auf diesen Brief einfach kein Schnellschuss erfolgte, sondern Abt Raphael Walzer hat eine Empfangsbestätigung bekommen, korrekt, wie es in Rom allgemein üblich war. Und in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ wird das Thema wirklich zum Thema gemacht.

Wieners: Vier Jahre später, es bleibt trotzdem dabei. Versetzen Sie sich doch mal in die Lage von Edith Stein: Sie sieht, wie die jüdischen Geschäfte schließen müssen; wie die Juden ausgegrenzt werden; wie deren Wohnungen geplündert werden; wie Juden verschwinden, auch damals schon. Und sie wendet sich – aus ihrem Glauben heraus, dass ihr da geholfen wird – nach Rom. Über Umwege, aber sie wendet sich an Rom, und möchte eine Antwort bekommen – und kriegt keine. Erst vier Jahre später, und was ist in diesen vier Jahren Schlimmes passiert?

Moll: Die erste Verantwortung lag doch bei den Bischöfen in Köln, Deutschland.

Wieners: Hm. Damit hatte man in Köln auch nicht so viel Glück…

Moll: Tja. Ich meine, jeder Bischof hat sein eigenes Naturell, seine eigenen Charakterzüge.

Wieners: Hier war Bischof Schulte, der…

Moll: Schulte.

Wieners: Der sehr…

Moll: Er war dagegen, aber er war kein Mann, der an die Öffentlichkeit ging. Das ist richtig. Er ging nicht an die Öffentlichkeit, das war damals auch nicht unbedingt der allgemeine Weg. Wir dürfen bitte auch nicht die heutige Zeit zum Maßstab für die 1930er Jahre nehmen. Das heißt jetzt nicht, dass ich alle Bischöfe damit verteidigen möchte, aber ich will sagen, es war in den 1930er Jahren unüblich, dass jede Woche ein Bischof ans Mikrofon geht und Statements abgibt. Das war damals nicht üblich. Zumal muss man auch ein Zweites sagen: Edith Stein war im Vatikan unbekannt. Sie war eine Studienrätin für Deutsch und Geschichte in Speyer, von denen es eben Hunderte gab. Und wenn sie auch die Dissertation über das Problem der Einfühlung geschrieben hatte: Es gab an jeder Universität Lehrstühle für Philosophie. Sie war also nicht so exponiert, dass der Vatikan alarmiert gewesen wäre. Sie mussten im Vatikan erst einmal fragen: Wer ist da diese Frau, die diesen Brief zu schreiben wagt?

Wieners: Aber man musste nicht fragen: Wer ist Hitler? Das war ja schon bekannt.

Moll: Das ist wahr. Und deshalb wurde ein Konkordat geschlossen. Man kann über das Konkordat durchaus unterschiedlicher Meinung sein.

Wieners: Können Sie das bitte kurz erklären: Das Konkordat war eine Übereinkunft von Staat und Kirche, dass man sich gegenseitig…. Also praktisch… leben und leben lassen…?

Moll: Die Initiative zu dieser Übereinkunft erfolgte ja schon im Jahr 1933, am 20. Juli 1933. Das Konkordat hatte ja die Aufgabe, die Rechte der Kirche zu schützen. Dass wir nicht in die Sakristei verbannt waren. Sondern dass wir weiterhin in der Öffentlichkeit wirken konnten als Religionslehrer, in den Gefängnissen, in den Krankenhäusern, in den Schulen. Dadurch war eine Rechtssicherheit gegeben. Dass wir wissen konnten: Was dürfen wir uns öffentlich noch leisten?

Wieners: Das bedeutet doch, dass man gewusst hat, mit wem man sich einlässt und mit wem man diese Übereinkunft schließt. Die katholische Kirche und die Nazis haben die Übereinkunft geschlossen: Jeder bleibt in seinem Bereich und jeder macht dann mal so weiter, wir greifen uns öffentlich nicht an. Das heißt, für die katholische Kirche bestand die Hoffnung, sie könnten weiterhin seelsorgerisch tätig sein. Nur hat die Kirche nicht noch einen anderen Aufgabenbereich gehabt, den sie vernachlässigt hat und den Edith Stein ansprechen wollte? Nämlich einen moralischen Auftrag? Sich in solch einer Situation in Deutschland an die Seite der Menschen zu stellen, die verfolgt werden? Das hat die katholische Kirche nicht getan.

Moll: Lesen Sie bitte einmal das Deutsche Blutzeugenverzeichnis des 20. Jahrhunderts, „Zeugen für Christus“, das ich im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz herausgegeben habe. Dort werden Sie über 30 Personen finden –  weil sie Juden in der Nazizeit geholfen haben, indem sie ihnen Lebensmittel gaben, indem sie ihnen ein Zimmer gaben, indem sie ihnen Pässe gaben… die freilich bisweilen ein wenig gezinkt waren, damit sie nach Südamerika auswandern konnten…. Kein anderer als der spätere Kölner Erzbischof Joseph Höffner hat in seiner Wohnung  als einfacher Pfarrer in Kail an der Mosel zwei Juden aufgenommen. Er hat aus der Sarah eine „Christa“ gemacht, und auf diese Weise konnte die „Christa“ überleben und lebt heute noch in Amerika. Dennoch würde ich sagen, nach heutigem Empfinden hat die katholische Kirche zu wenig für die Juden getan. Aber man muss wissen, was damals an Protest oder an Feindbegünstigung möglich war. Denn jeder, der erwischt wurde, wenn er Juden Zimmer gab, Lebensmittel gab, Pässe gab oder sonst wie, der musste damit rechnen, dass er sofort ins KZ kommt. Und ein Familienvater, der es wagte, den Juden so zu helfen, der eine Schar von Kinder hatte, wie Nikolaus Groß sieben Kinder, der musste überlegen: Soll ich diesen Schritt tun? Dann komm ich ins KZ und meine Frau steht mit sieben Kindern alleine da.

Wieners: Ja. Aber interessant ist auch, dass Sie auf Einzelpersonen zurückkommen. Sie sagen, derjenige hat geholfen, Sie können konkrete Fälle nennen, Sie können konkrete Namen nennen. Aber wünschen Sie sich nicht auch, der Papst oder auch der Kölner Bischof Schulte hätte damals gesagt: Wir prangern die Judenverfolgung an, wir stellen uns dagegen. Wäre das nicht schön gewesen?

Moll: Ja, die Frage ist immer: Welcher Weg ist der effizienteste Weg? Einfach jetzt einen Schrieb loszulassen, der dann sofort kassiert wird, bringt nicht viel. Sondern man muss Wege finden, schon damals in den 1930er und 40er Jahren, die auch zum Ziel führen. So dass auch die Bischöfe etwa einen Hirtenbrief zu den 10 Geboten erlassen haben – und das war eigentlich ein Protest gegen Hitler.

Wieners: Ein versteckter…

Moll: Ein versteckter Hinweis. Aber ich denke, die Leute waren ja nicht einfach Dummies, die einfach nur in den Tag hinein lebten, sondern indem die Bischöfe einen Hirtenbrief zu den 10 Geboten sagten, etwa dass die Menschenwürde unteilbar ist, dass die Euthanasie – wo also körperlich und geistig debile Menschen weggemacht werden -, dass das ein Verstoß gegen die Menschlichkeit ist. Dass wir Bischöfe hatten, die öffentlich gegen die Euthanasie gewettert haben… Das sind schon Zeichen! So dass etwa Hitler das Euthanasieprogramm aufgrund dieser berühmten drei Predigten von Galen in  Münster gestoppt hat.

Wieners: Und trotzdem sagt man: Da hat die katholische Kirche eingehakt, bei der Euthanasie, und hat sich öffentlich positioniert, aber in der Judenfrage hatte die katholische Kirche Probleme, sich an die Seite der Juden zu stellen.

Moll: Ja, was Sie sagen, ist nicht falsch. Ich will es aber aus der Zeit ein wenig zu deuten versuchen. In den 1930er Jahren waren Juden und Christen völlig getrennte Leute. Es gab einfach nicht das, was man heute Kommunikation nennt. Sondern die Juden gingen am Sabbat in die Synagoge, die Christen gingen sonntags in die Kirche. Es gab zwischen den beiden eigentlich kaum Berührungspunkte. Die Juden hatten eigene Schulen, auch hier in Köln, nicht wahr. Man heiratete nicht zusammen, das war undenkbar, das gab es damals nicht. Das muss man einfach wissen.

Wieners: Gut. Also, halten wir fest: Es kam auch auf die Persönlichkeiten an. Es gab Abwägungen: Was nützt am meisten? Wie verhalte ich mich? Und es gab Edith Stein – immer noch im Kloster -, die eine Hoffnung auf die Kirchenoberen setzte und vermutlich auch davon enttäuscht war. Die Antwort hat sie ja nicht erreicht. Sie hat fünf Jahre hier in Köln gelebt, bevor sie in die Niederlande ging, und dann ist sie ja wieder ein Opfer eines diplomatischen Prozesses geworden.

Moll: Vorsicht! Die niederländischen Bischöfe hatten 1942 einen Hirtenbrief gegen die NS-Ideologie geschrieben, der in allen Sonntagsmessen verlesen wurde. Arthur Seyß-Inquart, der Statthalter der Niederlande, hat das Hitler übermittelt. Hitler war so wütend, dass er als Reaktion auf diesen Hirtenbrief der niederländischen Bischöfe angeordnet hat: Nur die katholisch gewordenen Juden werden ausgemerzt. Also nicht die Juden, die bereits in den Niederlanden lebten, auch nicht die evangelisch gewordenen Juden. Sondern nur die katholisch gewordenen  Juden!

Wieners: Ja, Hitler wollte die katholische Kirche damit treffen. Und das meinte ich eben mit diesem diplomatischen Prozess, dessen Opfer Edith Stein geworden ist. Denn es gab vorher diese Übereinkunft zwischen der katholischen Kirche und den Nazis: Wir werden diese konvertierten Juden verschonen, wenn ihr das nicht öffentlich macht.

Moll: Der entscheidende Punkt ist in meinem Augen der, dass die etwa… heute gehen wir von gut 100 katholisch gewordenen Juden in den Niederlanden aus… die haben auf den Hirtenbrief der niederländischen Bischöfe, den sie ja sonntags im Gottesdienst gehört haben, mit Beifall geantwortet. Sie haben gesagt, das sind Männer, das sind keine Puppen, das sind keine Memmen, sondern das sind noch Männer. Zu denen stehen wir! Und weil sie das mit Beifall versehen hatten, kam die Rache von Seyß-Inquart.

Wieners: Und wenn mehr Menschen Applaus geleistet hätten?

Moll: Hätten sie auch noch mehr leisten können. Es heißt, auch hier wird wiederum deutlich, anders als der Mainstream, es war möglich, auch Hitler in gewisser Weise in Schranken zu setzten. Nur in gewisser Weise, aber es gab die Möglichkeit. Zu behaupten: Wir sind gebunden, wir können nicht anders, das ist falsifiziert.

Wieners: Aber ich verstehe nicht. Es gab die Möglichkeit, sagen Sie. Aber auf den Hirtenbrief hin, als die Nazis sich an den Pranger gestellt fühlten, wurde Edith Stein ins Konzentrationslager abtransportiert.

Moll: Das war der eigentliche Grund.

Wieners: Also welche Möglichkeit gab es dann? Wie hätte Edith Stein beschützt werden können? Entweder es hätte den Hirtenbrief nicht gegeben, oder aber die Zustimmung in der Öffentlichkeit wäre so groß gewesen – und zwar nicht nur unter den konvertierten Juden, sondern unter allen katholischen Christen.

Moll: Nicht nur die katholischen, auch die evangelischen haben dem Hirtenbrief in den Niederlanden zugestimmt. Und dann wollten wir eine Übereinkunft zwischen den evangelischen und katholischen Leuten in den Niederlanden schaffen, aber diese Übereinkunft hat nicht geklappt. Und so ist am Ende übrig geblieben: Nur die katholisch gewordenen Juden… dass die dann alle am 2. August aufgesammelt wurden, auf die LKW geladen wurden und dann schließlich nach Auschwitz gebracht wurden. Nicht nur Edith Stein.

Wieners: Was wissen Sie über diese letzte Zeit in Auschwitz? Was ist da genau passiert?

Moll: Auch hier gibt es Rätsel, die nicht gelöst werden können. Mit der Reichsbahn sind diese Menschen, übrigens über Speyer, wo Edith Stein nochmal einen Brief aus dem Fenster geworfen hat, der heute ausgewertet werden kann…

Wieners: Was steht da drin?

Moll: In dem Brief steht: „Wir sind auf dem Wege nach Osten. Betet für uns.“ Ich glaube, in Schifferstadt hat sie den Brief herausgeworfen und der ist aufgefunden wurden. Dann ging der Weg nach Auschwitz. Allgemein war es so, dass, wenn die Menschen aus dem Zug ausstiegen, schon die Hunde bellten, so dass sie nicht mehr wagten zu fliehen. Und dann hieß es: Ihr müsst jetzt alle unter die Dusche. Ihr müsst euch völlig entkleiden und dann müsst ihr erstmal abgeduscht werden. Aber das war natürlich eine völlige Lüge, denn aus diesen Düsen kam kein Wasser, sondern kam das Zyklon B, und das bedeutete, dass sie schließlich nicht mehr atmen konnten und umkamen. Wir wissen nicht mit 100-prozentiger Gewissheit, ob Edith Stein unter diesen Leuten gewesen ist. Denn es gab Leute, die sich trotz der bellenden Hunde in die Büsche geschlagen haben und auf diese Weise davonkamen und überlebten.

Wieners: Das heißt, man weiß gar nicht, ob Edith Stein wirklich im KZ umgekommen ist?

Moll: Es gibt keinen Totenschein.

Wieners: Ja, naja, den gibt es von vielen Menschen aus den KZs nicht.

Moll: Dennoch sagt Kardinal Höffner: Wir haben zwar keinen Totenschein, und weil ja alle umgebracht wurden, haben wir auch keinen, der gesehen hat, wie Edith Stein in diese Kammer hineingeführt wurde – also, wir haben auch keinen Zeitzeugen. Aber aufgrund der allgemeinen Beschreibung, wie es damals in Auschwitz vor sich ging, können wir mit größter Wahrscheinlichkeit davon ausgehen – zumal wir nach 1945 kein Lebenszeichen mehr von ihr gehört haben. Sie hätte sich sicher einmal gemeldet, wenn sie überlebt hätte. So dass wir mit größter Wahrscheinlichkeit davon ausgehen können, dass sie auch unter denen war, die dort vergast wurden.

Wieners: Wann hat die katholische Kirche beschlossen, sie Märtyrerin zu nennen? Sie seligzusprechen und heiligzusprechen?

Moll: Das war der Verdienst des Erzbistums Köln. Warum? Kardinal Frings hat schon früh gesagt: Das ist eine Frau, die gleichsam die Signatur des 20. Jahrhunderts trägt, so dass wir schon in den 1950er Jahren in Köln gesagt haben – weil sie fünf Jahre bei uns in Köln gelebt hat: Diese Frau wollen wir fördern. Wir fördern sie, indem wir 1962 das Seligsprechungsverfahren eröffnen. Und dann konnte sie 1987 hier in Köln, im damaligen Müngersdorfer Stadion, seliggesprochen werden. Sicher, es kamen viele Verwandte, die in der Regel ja Juden geblieben waren und denen man es nun verständlich machen musste: Sie ist aus freien Stücken katholisch geworden. Keiner hat sie gezwungen, katholisch zu werden. Sondern sie hat am Ende eines Buches gesagt: Das ist die Wahrheit. Sie ist aus freien Stücken katholisch geworden. Es ist klar, dass von jüdischer Seite aus Bedenken vorlagen, das ist gleichsam nicht anders zu erwarten…

Wieners: Es gab Widerstand aus der Familie von Edith Stein?

Moll: Ja, zumindest ein Unverständnis gab es.

Wieners: Die haben gesagt, wir wollen nicht, dass ihr uns Edith Stein wegnehmt und sie seligsprecht?

Moll: Etwa so, dass sie sagten: Sie war doch eine Jüdin! Ja, das war sie natürlich, eine Jüdin. Aber wir wissen aus der gesamten Lebensgeschichte, dass das Jüdische für sie niemals eine innere tragfähige Grundlage hatte. Sie ging mit der Mutter zwar samstags in die Synagoge in Breslau, aber sie ging, weil die Mutter sie an der Hand nahm, nicht aus freien Stücken ging sie dahin. Sie hat irgendwie zum Judentum keine herzliche Beziehung gefunden. Und als sie dann hier in Köln im Karmel eintraf, konnte sie die Worte sagen: Ich bin im Hafen angekommen.

Wieners: Aber es ist auch traurig, dass so lange nach ihrem Tod – und bei dem Schicksal, das sie erlitten hat – anlässlich der Seligsprechung ein Streit über die Deutungshoheit losbricht: Was war ihr wichtig? Wo liegt die Wahrheit? Welcher Glaube ist besser? Das ist auch traurig.

Moll: Ich meine, es liegt in der Natur der Sache, dass eine Frau oder ein Mann, egal wer es im Einzelnen ist, der die Hälfte seines Lebens jüdisch war, die andere Hälfte aus freien Stücken katholisch war… Wem gehört Edith Stein? Das ist genau die Frage.

Wieners: Ja, genau! Das ist die Frage.

Moll: Sie gehört beiden! Sie gehört beiden.

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